Psychodrama und Bibliodrama, 27.01.12

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

von Ludwig Zink

Psychodrama und Bibliodrama

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Heika Straub, die Gründerin des Stuttgarter Moreno-Institutes, referierte bei der Lindauer Psychotherapiewoche 1975 über das Thema „Was ist Psychodrama?“ und sagte in ihrem Vortrag: „...so stimme ich doch mit ihm (Moreno) absolut überein, dass das Psychodrama bei denjenigen, bei denen es zur Anwendung kommt, darauf abzielt, die Verhaltensvariabilität, verstanden als Gegensatz zu Rigidität und Aspontanität, sowie die schöpferische Gestaltungskraft, verstanden als konstruktives Tun zu steigern. Somit wird die persönliche Autonomie ebenso wie die Soziabilität gestärkt. Diese Eigenschaften verstehen sich als Kennzeichen psychischer Gesundheit“, veröffentlicht in: „Die Rolle des Therapeuten und die therapeutische Beziehung“, Herausgeber: Hilarion Petzold, Junfermann Verlag, Paderborn

Wo der Focus des Bibliodramas liegt


Bibliodrama hat im Unterschied zu Psychodrama keinen Therapieanspruch – obwohl es durchaus therapeutisch wirken kann. So verstehen sich Bibliodramaleiter nicht als Therapeuten, sondern als Pädagogen. Im Psychodrama steht ein Teilnehmer (Protagonist) im Vordergrund („tua res agitur“). Beim Bibliodrama liegt der Focus auf dem Thema und auf der Gruppe. Es ist eine biblische Geschichte, die uns durch das Spiel führt. Deshalb ist es auch für die BibliodramatikerInnen von Bedeutung, wie sie in den Text einführen (z.B. durch wiederholtes Lesen, durch eine Meditation, über die Auseinandersetzung mit Ton oder in einer Malmeditation). Beim Psychodrama steht ein persönliches Problem im Vordergrund, während im Bibliodrama vorderhand die kollektive Vergangenheit, das kollektive Unbewusste, die Regie führt. Die Gruppenmitglieder versetzen sich in die Situation von Personen von mindestens zweitausend Jahren. Es geht jedoch im Spiel nicht um ein Nachspielen, nicht um eine Art Rollenspiel, sondern um die Aneignung des biblischen Textes. Man schlüpft in den hingehaltenen Mantel der biblischen Rolle und agiert darin eigenständig. Man begibt sich „mit Haut und Haar“ in die biblische Rolle hinein, „als wär`s ein Stück von mir“. Die biblische Geschichte ist wie ein Geländer, auf das sich die Personen abstützen. Die biblische Erzählung soll während des ganzen Spiels nicht verloren gehen, sondern als vertrauenserweckender und wegweisender Hintergrund präsent sein. Eine Illustration wie nahe oft Psychodrama und Bibliodrama liegen, ersehen an einem Beispiel aus der Praxis. Vor einigen Jahren war ich zu einer Begegnung innerhalb eines länderübergreifendem Sokratessprojektes bei unserem Partner in Italien, bei den MitarbeiterInnen des Centro Italiano di Solidarietà in Rom eingeladen, welche meine frühere Wirkungsstätte, das Haus Gutenberg in Balzers (FL) initiiert hatte. Die Mitverantwortliche des Projektes Dr. Angelika Groterath, Therapeutin und Ausbildungsleiterin im Centro, hatte zu einem Bibliodrama-Abend eingeladen, zu dem sich in einer alten römischen Villa ca. 25 junge Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren trafen. Sie legte eine Puppe auf eine Wolldecke und begann zu erzählen, dass in einigen Tagen das Weihnachtsfest sei und dass wir auf unsere Art dieses Geschehen nun darstellen würden. Sie fragte, wer Maria sein möchte. Schon bald fand sich eine Gianna als Maria ein, und sie setzte sich auf die Wolldecke neben der Jesuspuppe. Auch andere Rollen waren rasch gefunden. Ich selbst übernahm die Rolle einer Dachlücke im Stall von Bethlehem. Etwas schwieriger war es, dass sich jemand für die Josefsrolle engagierte. Doch nach einigem Zögern erklärte ein junger Mann sich dazu bereit. Die Leiterin interviewte die einzelnen Rollenträger, damit sie in ihre Rolle hineinkommen sollten. Das Spiel begann zu flauten. Maria sagt zu ihrem Kind: „Ich werde dir bei allem, was auf dich zukommen wird, zur Seite stehen. Wir werden kämpfen, und wir werden es schaffen. Du kannst Dich auf mich verlassen.“ Josef äusserte sich etwas einsilbig: „Ich kann mir das alles nicht erklären.“ Nach den Abschlussinterviews der Leiterin gab es ein Auswertungsgespräch. Gianna: „Ich freute mich über das Kind und auch über das Abenteuer, gemeinsam mit ihm das Leben anzupacken. Im Leben habe ich oft den Eindruck, dass ich mir selbst zuschaue und dass ich Theater spiele. Hier hatte ich den Eindruck, ich spüre mich selbst, ich bin ganz echt.“ In einer weiteren Gesprächsrunde sprach sie von ihrem Wunsch nach einem Kind, während ihr Freund, der noch mit dem Abschluss des Studiums zu ringen hatte, dafür wenig Verständnis aufbrachte. Er sagte nicht viel, war jedoch von der Intensität, mit der seine Freundin die Mutter Maria spielte, ebenso überrascht wie beeindruckt. Auch der junge Mann, der sich in die Rolle des Josef begeben hatte, brachte nochmals sein Befremden über die sonderbare Situation zum Ausdruck. Die Mutter, das Kind.... alles sei ihm etwas rätselhaft vorgekommen. Er hätte sich das alles nicht erklären können. Überflüssig und hilflos sei er sich vorgekommen. Was sich durchaus als gewachsene Einsicht im Spiel ereignet hat, ist, dass Gianna mehr Klarheit und Entschiedenheit über ihren Kinderwunsch erhalten hat. Auch dass sich Gianna im Spiel wahrhaftiger und lebendiger als im Alltag erfährt, mag Auswirkungen für ihr Leben haben. Hier spüren wir die innere Nähe und Verbundenheit vom Bibliodrama zum Psychodrama.

Ein Auszug aus dem Artikel von Ludwig Zink: „Das Bibliodrama - ein eigenwilliges Kind des Psychodramas“. www.ludwigzink.ch







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